Nennung von Fleyh 1346 in einem Pfarrverzeichnis der Diözese Meißen?
In
mehreren Publikationen wird darauf hingewiesen, dass Fleyh, am
Plateau des böhmischen Erzgebirges gelegen, sowie das etwa 5 km
entfernte böhm. Moldau bereits 1346 urkundlich erwähnt
werden.
Zum Beispiel schreibt Rudolf Hemmerle in seinem Buch
Sudetenland über Fleyh:
Die alte
Bergbausiedlung in einer Mulde des Erzgebirgskammes hatte schon vor
1346 eine Pfarrei, die damals zur Diözese Meißen in
Sachsen gehörte.
In dem
Fotoband NORDBÖHMEN, unvergessene Heimat
schreibt derselbe Autor:
FLEYH im Erzgebirge findet schon 1346
im Pfarrverzeichnis des Bistums Meißen als Flew
Erwähnung.
Auf das selbe
Dokument dürfte sich auch Dr. Johann Schlenz in seiner
Geschichte des Bistums und der Diözese Leitmeritz beziehen, wenn
er im 2. Teil schreibt:
Moldau, schon vor 1346 als
Plebanie der Propstei Meißen ( sedes Freiberg ) erwähnt,
gehörte bis 1547 zu Sachsen, in welchem Jahre die
Grenzstreitigkeiten zwischen König Ferdinand und dem Herzoge
Moritz von Sachsen beigelegt und Moldau nebst Fleyh und Zinnwald
endgültig zu Böhmen gezogen wurden.
Zu dieser urkundlichen Erwähnung in der Meißner Pfarrmatrikel 1346 ein paar kritische Bemerkungen:
1.) Das Pfarrverzeichnis aus dem Jahre 1346 existiert nicht mehr ( oder es ist verschollen ). Schon 1882, als Otto Posse1 die alten Pfarrmatrikeln des Bistums Meißen studierte, fehlte das oft zitierte Original aus dem Jahre 1346.
2.)
Die älteste, erhaltene Original-Matrikel des Bistums Meißen
wurde 1495 angelegt und war anschließend viele Jahrzehnte in
Verwendung. Auch sie war lange Zeit verschollen, wurde aber
glücklicherweise 1900 von Prof. Loose im Domstiftsarchiv-Meißen
wiederentdeckt. Richard Becker2
berichtet darüber ausführlich.
Bei dem in dieser Urkunde
genannten Flew handelt es sich jedoch mit sehr großer
Wahrscheinlichkeit nicht um das Fleyh im Erzgebirge,
sondern um das sächsische Flöha, ca. 23 km
wsw. von Freiberg.
3.)
1752 publizierte Pater Sigismund Calles, SJ,3
ein Pfarrverzeichnis des Bistums Meißen, das sowohl
ein Flevv, als auch ein Flöhe
aufweist.
Aus der Überschrift dieses
Pfarrverzeichnisses von Calles geht hervor, dass als Vorlage für
den Druck eine Matrikel aus 1346 verwendet und diese zusätzlich
mit 2 weiteren Originalen aus dem 14. Jhdt. von P. Antonius
Steyerer, SJ, abgestimmt wurde. ( ...Collata vero cum duobus
Originalibus ejusdem Saeculi XIV.... )
Otto Posse meint dazu:
Dass diese Angabe unrichtig ist, beweist die Schreibweise der
einzelnen Namen, denn neben älteren Formen finden sich auch
solche des ausgehenden 15. Jahrhunderts.
Meiner Meinung besteht
kein Widerspruch zwischen den Jahresangaben in der Überschrift
der Pfarrmatrikel und der Tatsache, dass neben älteren
Schreibweisen auch solche des ausgehenden 15. Jhdts. vorhanden sind.
Wurden solche Pfarrmatrikeln bei Ihrer Verwendung nicht immer
wieder erweitert, korrigiert, modifiziert, auf den letzten Stand
gebracht?
Richard Becker beschreibt
sehr ausführlich und bildhaft das Aussehen und den Zustand der
wiedergefundenen Original-Matrikel aus dem Jahre 1495.
Er weist
auch darauf hin, dass man bei der Anlage der Matrikel absichtlich
zahlreiche Lücken zwischen den einzelnen Teilen des
Schriftstückes für spätere Erweiterungen und
Änderungen gelassen hat. Weiters schreibt Becker: Die
Zusätze nun, deren Notwendigkeit der Verfasser der Matrikel
vorausgesehen hat, wie die Einleitung zeigt, sei es weil des
Einkommen sich erhöhte, sei es weil neue Pfründen
entstanden sind, sind außerordentlich zahlreich.
Es erscheint mir also durchaus wahrscheinlich, dass auch die Vorlage, die Calles für seinen Druck zur Verfügung stand, eine Matrikel war, die zwar im Jahre 1346 angelegt, aber in den folgenden 150 Jahren oft ergänzt bzw. korrigiert wurde. Sie dürfte bis 1495 in Verwendung gewesen sein. Vielleicht war die Unübersichtlichkeit, die durch die zahlreichen Erweiterungen und Änderungen entstanden war, sogar einer der Gründe, weshalb man 1495 eine neue Matrikel anfertigte und dabei wohlweislich Platz für spätere Änderungen ließ.
Zurück zu den bei Calles genannten Flevv und Flöhe.
1.) Es könnte sich um
ein und denselben Ort gehandelt haben.
Dafür spricht, dass
beide Orte der Sedes Freibergk zugeordnet sind. Das erzgebirgische
Fleyh ( Flaje ) würde ja geographisch viel besser in die Sedes
Sayda passen, was besonders in der Kartendarstellung von Otto Posse
ins Auge springt.4
Dagegen
spricht, dass in diesem Fall P. Sigismund Calles die beiden
Schreibweisen nicht untereinander, sondern in eine Zeile gestellt und
durch ein alias verbunden hätte, so wie er dies in
vielen anderen Fällen getan hat.
2.) Es waren tatsächlich
das sächs. Flöha und
das böhm. Fleyh gemeint.
In diesem Fall können
wir lediglich die Aussage machen, dass Fleyh irgendwann vor
1495, wahrscheinlich in der Zeit, als die Herrschaft
Riesenburg/Dux zu Meißen gehörte, in das Bistum Meißen
eingegliedert wurde.
Jedenfalls
wissen wir jetzt, wieso Rudolf Hämmerle und andere Autoren
geschrieben haben: Fleyh findet schon 1346 im Pfarrverzeichnis
des Bistums Meißen als Flew Erwähnung. Diese
Autoren haben einfach das Flevv in Calles Matrikel dem
erzgebirgischen Fleyh und das Flöhe dem sächsischen
Flöha zugeordnet.
Diese
Ansicht kann zwar nicht widerlegt werden, ist aber doch eher
hypothetisch.
Fleyh, an einem uralten Handelsweg über das
Erzgebirge - auf halber Wegstrecke zwischen Rechenberg und
Ossegg / Riesenburg - gelegen, mag ein sehr alter
Ort gewesen sein, aber aus Calles Abschrift der Bistumsmatrikel
1346 läßt sich nicht schließen, dass Fleyh
schon vor 1346 bestanden hat, wurde doch die Original-Matrikel,
wie oben dargelegt, in den Jahrzehnten nach 1346 wahrscheinlich immer
wieder revidiert und erweitert.
Die älteste, bisher bekannte,
urkundlich Nennung Fleyhs dürfte somit jene aus dem Duxer
Stadtbuch sein. Dort wird 1413 ein Merteyn, Richter von der Flewe,
genannt.
Günter Kallinovsky, A 1210 Wien, Stephensongasse 1 / 4 / 12
Wien, im Mai 2003
1Otto Posse im CODEX DIPLOMATICUS SAXONIAE REGIAE, Erster Haupttheil, I. Band
2Richard Becker: Ein Original der Meißner Bistumsmatrikel und die Einteilung des Bistums Meißen, erschienen im Neuen Archiv für Sächsische Geschichte, 23. Band, 1902
3P. Sigismvnd Calles e Societate Jesv: SERIES MISNENSIVM EPISCOPORVM ..., Ratisbonae et Viennae, 1752
4Landkarte DAS BISTHUM MEISSEN IN SEINER ENTWICKLUNG, Beilage im 1. Band des Codex Dipl. Sax.
Weitere Beiträge zur Geschichte der Pfarre Fleyh:
http://familienforschung-kallinovsky.heim.at/